So geht's auch
Olaf, mein ehemaliger Nachbar, würde sagen: Die Lage ist ernst. Wenn ihr dies lest, werdet ihr erst mal denken, na ja, das hat Olaf schon öfter gesagt und das Leben ging ganz normal weiter. Aber nach der zweiten Tasse Kaffee werdet ihr vielleicht auch an Situationen denken, die man so deutlich noch nicht erlebt hat. Gestern an der Wursttheke im Supermarkt. Eine ältere Frau steht davor, eine etwas jüngere dahinter. Da ich, entgegen der Empfehlung meines Cholesterinspiegels, aber für den Geschmack meiner Leibspeise, etwas Dörrfleisch benötigte, stand ich einige Minuten in Wartestellung, während die Wurst- und Fleischfachverkäuferin einige Scheiben Wurst für die ältere Dame einpackte. So wurde ich unfreiwillig Zeuge einer Unterhaltung, in der die ältere Dame über Schlaflosigkeit klagte, die sie darauf zurückführte, dass sie die Welt nicht mehr versteht und niemanden hat, der sie in diese moderne Zeit mitnimmt. „Ich verstehe auch so manches nicht,“ meinte die Fachverkäuferin kopfnickend, „Sie haben vollkommen recht.“ Die Kundin erzählte weiter, sie hätte vor einiger Zeit gelesen, dass die WHO die Affenpocken umbenennen will, da der Ausdruck diskriminierend sei. Die Verkäuferin schaute mich entschuldigend an, hörte der Dame jedoch weiterhin geduldig zu, die sich fragte, was wohl die Affen darüber denken. Sie sei an vielen Dingen interessiert und beschäftige sich auch mit der Frage, warum immer viele Damen auf den Tanzflächen zu sehen seien und wo denn die heterogenen Männer sind. Die Dame hinter der Theke lächelte, was die Gesprächspartnerin als Zustimmung wertete und noch den Ausdruck „viral gehen“ in den Ring für Unwissendes warf. Die Verkäuferin deutete auf mich und die mittlerweile entstandene Warteschlange und meinte zur Kundin: Wenn ich den Kunden und Kundinnen hinter Ihnen, ganz viel Wurst verkaufe und sie von ganz vielen Menschen gegessen und deren Nachbarn weiterempfohlen wird, dann ist die Wurst viral gegangen. Die Kundin bedankte sich für das entspannende Gespräch und versprach ein Wiedersehen am nächsten Tag. Ich glaube, die Fleisch- und Wurstverkäuferin ist eine sehr wertvolle Person, denn bis man einen Termin beim Psychotherapeuten bekommt, hat die WHO ihren Plan sicher schon umgesetzt.